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Jiří Orten: Elegien / Elegie.

18,00 

Tschechisch/Deutsch. Übertragen und herausgegeben von Peter Demetz.

Ein junger Mann will Zigaretten kaufen, aber die Trafik hat noch zu, er schlendert über die Straßen zu einem Mädchen, das auf ihn wartet, da öffnet sich der Laden mit Getöse, der Mann, jetzt auf der Straßenmitte, will zurückhasten … und ein Auto prallt auf ihn, schleift ihn mit, er verliert das Bewusstsein und erlangt es nie wieder. Nicht im Krankenhaus, wo er als ein Jude im Prag des Jahres 1941 von Tschechen abgewiesen wird und auch nicht danach im jüdischen Krankenhaus. Ein jüdischer Dichter als Unfallofer ausgerechnet eines deutschen Tor-Kreuz-Fahrzeugs – und dem so womöglich die Ermordung erspart geblieben ist. Es ist, wenn überhaupt, diese Geschichte über Jiri Orten, die außerhalb seiner tschechischen Heimat im Gedächtnis ist.
In Tschechien dagegen ist sein Name legendär – obwohl er nur so wenige Jahre hatte, in Erscheinung zu treten. Seine erste Buchpublikation fiel dabei fast mit dem Beginn der deutschen Okkupation zusammen, und seine Gedichte erschienen dann überwiegend unter Pseudonym, um den jüdischen Autor zu verschleiern und die Beteiligten zu schützen. Freunde wie Franišek Halas erkannten früh Ortens Rang, ermöglichten mutig, sein Werk zu drucken, verteidigten ihn auch nach 1945 und 1948 gegen ideologische Vorbehalte, die sich gegen den »bourgeoisen« Dichter mit seiner Innerlichkeit, den existenzialistischen Lyriker und in Zeiten eines Antizionismus vielleicht sogar gegen den Juden Orten – eigentlich Ohrenstein – richteten.

Für eine Reihe von jungen tschechischen Dichtern nach dem Krieg wurde er dennoch oder gerade deshalb zu einer Inspiration, dichterisch – und wohl auch wegen der repressiven Umstände, unter denen sein Werk reifte und sich behauptete. Neben berühmten Tagebüchern, in die seine Gedichte aufgenommen sind, hinterließ Orten abgeschlossene Zyklen – darunter die Elegien, die, zwischen Februar und April 1941 entstanden, zum dichterischen Nachlaß wurden. Neun Elegien spiegeln eine Welt des Liebesverlustes, der Vereinsamung und des Ausgestoßenseins (als Jude), Todesahnung, Erinnerungen an glückliche Tage, Traumsequenzen. Eine beziehungseiche, formal strenge Dichtung, die auf den großen tschechischen Romantiker Machá verweist und auf die Beschäftigung mit Prager deutscher Literatur.
Peter Demetz, der dem besonderen Verhältnis zu Rilke und dessen »Duineser Elegien« einen Essay gewidmet hat, schreibt dazu: »Ich möchte [Ihnen] nicht eine vorgefaßte Meinung über Ortens Verhältnis zu Rilke aufzwingen. Vieles, das gesagt werden darf, ist Fragment, Mutmaßung und Spekulation. In unserem Zeitalter eines ungebrochenen Nationalismus … staune ich immer wieder über die merkwürdige Selbstverständlichkeit, mit der sich ein tschechischer Dichter, der jüdischer Herkunft war, von der Poesie Rilkes angezogen fühlte, und ihn, mitten im Zeitalter der Wehrmachtsokkupation, im Verein mit anderen Autoren deutscher Zunge zu zitieren fortfuhr.« Demetz, nach glücklich überstandener eigener Bedrohung unter den Deutschen 1948 vor den Stalinisten geflohen, schließt: »Ich habe mich deshalb entschlossen, Ortens Elegien ins Deutsche zu übersetzen, oder in der Übersetzung fortzufahren (denn seine Gedichte waren die ersten, die ich nach meiner Flucht übersetzte und publizierte), weil ich die Möglichkeit nicht ungenutzt verstreichen lassen möchte, sie auch den Lesern Rilkes zugänglich zu machen.« Eine Ankündigung, die Peter Demetz mit dieser ersten vollständigen Übertragung einlöst: Zum 70. Todestag des Dichters Jiri Orten am 1. September 1941 kann eines seiner Hauptwerke endlich gelesen werden, im tschechischen Original und in der Übertragung von Peter Demetz.

122 Seiten. Paperback. September 2011. ISBN 978-3-938375-43-3.

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